Das Statement ist der meistgefürchtete Teil jeder Bewerbung — und der, mit dem du dich
am deutlichsten abhebst, wenn du auf Floskeln verzichtest.
Was ein Statement leisten muss
Drei Fragen, mehr nicht: Was machst du? Warum machst du es (so)? Woran arbeitest du
gerade? Wer diese drei Fragen in klarer Sprache beantwortet, hat ein besseres Statement als
80 % der Mitbewerbungen. Alles andere — Kunstgeschichte zitieren, den eigenen Werdegang
rechtfertigen, das große Ganze erklären — kostet Platz, den die drei Fragen besser nutzen.
Die drei Fragen im Einzelnen
Was machst du? Material, Verfahren, Format — konkret benennen, nicht
umschreiben. „Ich male mit Ölfarbe auf großformatiger Leinwand" trägt mehr als „Ich beschäftige
mich mit der Materialität der Farbe".
Warum machst du es so? Die Entscheidung hinter der Form — warum dieses
Material, dieses Format, dieser Ansatz und kein anderer. Das ist der Teil, der Haltung zeigt,
ohne sie zu behaupten.
Woran arbeitest du gerade? Das aktuelle oder geplante Projekt, konkret genug,
dass eine Jury sich etwas darunter vorstellen kann — nicht „neue Wege erkunden", sondern was
tatsächlich entsteht.
Die Form
Länge: 100–200 Wörter fürs Kurz-Statement in einer Bewerbung; eine halbe
Seite maximal, wenn mehr verlangt ist. Für Ausstellungstexte oder Kataloge kann es länger sein
— dort gilt: lieber ein knappes, starkes Statement mit Raum für Bilder als ein langes, das
niemand zu Ende liest.
Erste Person, Präsens: „Ich arbeite mit…" — nicht „Der Künstler
untersucht…". Die dritte Person wirkt in Bewerbungen distanziert und ist ohnehin fürs
Pressetext-Register reserviert, nicht fürs Statement an eine Jury.
Konkret vor abstrakt: Material, Verfahren, wiederkehrende Motive benennen,
bevor es um Konzepte geht. Ein Satz wie „Ich fotografiere verlassene Industriegebäude in
Mitteldeutschland" trägt mehr Information als drei Sätze über „urbanen Verfall als Metapher".
Ein Beispiel — vorher/nachher
Vorher (Kunstsprech): „In meiner Praxis untersuche ich das Spannungsfeld
zwischen Erinnerung und Vergessen, wobei ich mich an der Schnittstelle verschiedener Medien
bewege, um gesellschaftliche Prozesse auf mehreren Ebenen zu hinterfragen."
Nachher (konkret): „Ich sammle alte Familienfotos von Fremden auf
Flohmärkten und übermale sie mit Ölfarbe, bis nur noch Umrisse bleiben. Die Bilder zeigen, was
von einer Erinnerung übrig ist, wenn niemand mehr weiß, wer abgebildet ist. Aktuell arbeite ich
an einer Serie von 30 Bildern für eine Ausstellung im Frühjahr."
Beide Sätze könnten dieselbe künstlerische Praxis beschreiben — nur einer davon
gibt einer Jury etwas, das sie sich vorstellen kann.
Floskel-Test
Streiche probeweise: „hinterfragt", „verhandelt", „bewegt sich an der Schnittstelle",
„Spannungsfeld", „auf mehreren Ebenen", „setzt sich auseinander mit", „reflektiert". Bleibt danach
noch ein Text übrig, der etwas sagt? Dann ist er gut. Lies ihn laut — klingt er nach dir, oder
klingt er nach jedem anderen Statement, das eine Jury an diesem Tag liest?
Statement und Portfolio gehören zusammen
Jurys lesen das Statement neben deinen Bildern. Auf einer Portfolio-Website stehen beide direkt
beieinander — das Statement wird kürzer und besser, weil die Arbeiten sichtbar mitsprechen und
nicht jedes Detail in Worten beschrieben werden muss.
Häufig gestellte Fragen
Muss das Statement für jede Bewerbung neu geschrieben werden?
Die Grundversion kann gleich bleiben, aber der dritte Teil („Woran arbeitest du gerade?")
sollte zur jeweiligen Ausschreibung passen — ein Statement, das ein Jahre altes Projekt
beschreibt, wirkt unaktuell.
Wie unterscheidet sich ein Statement für Musik oder Literatur von einem für bildende Kunst?
Die drei Fragen bleiben gleich, nur die Antworten verschieben sich — bei Musik zählt eher
Klangsprache und Besetzung, bei Literatur Form und Sprache. Konkretion vor Abstraktion gilt
spartenübergreifend.
Darf ich im Statement Kunstgeschichte oder Vorbilder erwähnen?
Sparsam ja, wenn es die eigene Position schärft — nicht als Ersatz dafür, die eigene Arbeit zu
beschreiben. Ein Statement, das mehr über andere Künstler:innen sagt als über die eigene Praxis,
verfehlt seinen Zweck.
Was, wenn die Ausschreibung ein längeres Statement verlangt als 200 Wörter?
Die gleiche Struktur beibehalten, aber jede der drei Fragen mit einem zusätzlichen Absatz
vertiefen — Beispiele, ein konkretes früheres Projekt, mehr Kontext zum aktuellen Vorhaben.
Konkretion bleibt wichtiger als Länge.
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Geschrieben von Jan Pleitner, bildender Künstler
(janpleitner.de) — mit eigener, langjähriger
Bewerbungspraxis für Stipendien und Residencies. Mehr zur Arbeitsweise:
Redaktion & Methodik.
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